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Chronik Kapitel


Konsolidierung in Kriegszeiten 1910 bis 1919

Zu Anfang des zweiten Jahrzehnts ihres Bestehens bahnen sich für die Gemeinde einige Veränderungen an. 1910 findet einmal mehr ein Umzug statt, und zwar in die neue "Missionskapelle", Krummestraße 28. Die neuen Räumlichkeiten scheinen gute Entwicklungen im Gemeindeleben einzuleiten: die Gottesdienste werden "viel besser besucht, die Mitglieder erkannten mehr ihre großen Aufgaben in dieser Stadt, die Sonntagschule nahm einen besonderen Aufschwung" (Jahresbericht 1910). Im selben Jahr entläßt die Gemeinde drei ihrer Stationsgemeinden in die Unabhängigkeit: die Stationen Potsdam, Brandenburg und Nowawes konstituieren sich mit 119 Mitgliedern als Baptistengemeinde Potsdam. In der Stammgemeinde und der Stationsgemeinde Wilmersdorf bleiben insgesamt 300 Mitglieder. Johannes Rehr hat die Kanzel in der neuen Missionskapelle nur ein Jahr besetzen können. Im Jahr 1911 nimmt er nach fünf Jahren Abschied von der Gemeinde, um im Auftrag des Bundes der Baptistengemeinden als "Sekretär des Jünglingsbundes" zu arbeiten.

Als sein Nachfolger beginnt Otto Muske schon im April 1911 seine Arbeit als Prediger der Gemeinde, so daß die kontinuierliche Entwicklung im Gemeindeleben nicht durch eine längere predigerlose Zeit unterbrochen wird. Die kommenden beiden Jahre muten angesichts der "stillen, aber stetigen Entwicklung nach innen und außen" an, wie die Ruhe vor dem Sturm. In der Tauroggener Straße im Norden Charlottenburgs wird 1912 eine Stationsgemeinde unter der Leitung von H. Szagunn gegründet. Eine Evangelisation im Folgejahr ist nicht zuletzt ein Grund dafür, daß 66 Menschen in die Gemeinde aufgenommen werden, so daß am Ende des Jahres 1913 bereits 374 Mitglieder gezählt werden. Besondere Erwähhung findet in diesem Jahr in den Protokollen auch die finanzielle Situation der Gemeinde, die trotz der ungünstigen Wirtschaftslage positiv bewertet wird. Steigende Gesamteinnahmen gegenüber dem Vorjahr und eine besonders erfreuliche Entwicklung des Kapellenbaufonds, der am Jahresende 17.411,- Mark aufweist, lassen hoffnungsvoll in die Zukunft schauen. Im kommenden Jahr werden jedoch die ruhigen und positiven Entwicklungen im Gemeindeleben durch die politischen Ereignisse erschüttert. Die Julikrise von 1914 und der von Berlin aus geförderte Konflikt Österreich-Ungarns mit Serbien stürzt das kaiserliche Deutschland in einen Krieg von bisher nicht gekannter Ausdehnung und Heftigkeit. In der Gemeinde scheinen zunächst die kaisertreuen und dem Vaterland verbundenen Stimmen die Klage zu übertönen. So heißt es im Rückblick des Jahresberichts von 1914:

"Noch nie seit ihrem Bestehen ist die Gemeinde durch eine so ernste, schwere und doch dabei so große Zeit hindurchgegangen wie im verflossenen Jahr. Gewaltige, weltgeschichtliche Ereignisse sind ihren Weg gegangen und haben auch unser Häuflein anteilnehmen lassen an ihrem Sturmläuten und dröhnendem Donnerklang! Krieg! Wer hätte gerade jetzt daran gedacht? Noch war die friedliche Ferienstimmung nicht vom Gemeindebilde geschwunden, in der Welt war's still - da! ein greller Blitzstrahl, der jäh die ahnungslose Welt in unlöschbaren Brand versetzte. Rings von neidischen Feinden umgeben, sah sich unser Friedenskaiser mit schwerem Herzen gezwungen, das Schwert zu ziehen, das 44 Jahre in der Scheide ruhte. Wie wurden unsere Herzen mitgerissen von der glühenden Begeisterung jener ersten Mobilmachungstage! Wie stand in edler Ritterlichkeit unser oberster Kriegsherr als leuchtendes Vorbild da, auf Gottes Hilfe vertrauend und sein Volk zum Gebet und zur Buße rufend. Und während sich alles zu den Fahnen drängte, zahlte auch unsere kleine Gemeinde dem König willig ihren Tribut. Unvergeßlich wird allen Teilnehmern jener 1. Augustsonntag sein, an dem nach der Feier des Herrenmahls eine ganze Schar lieber Brüder die Plattform füllte, um von der Gemeinde - vielleicht für immer! - Abschied zu neh¬men. Unter heißen Gebeten und Singen des Liedes: 'Gott mit euch, bis wir uns wiedersehn" wurden sie entlassen."

In sogenannten "Kriegsgebetsstunden" hört man Berichte "aus dem Felde" und weint, betet und hofft gemeinsam. Auch in die Gemeindeversammlungen dringt der militärische Charakter der Zeit, wenn der Älteste August Reck und der Gemeindesekretär A. Felsburg in ihren Uniformen ihres Amtes walten. Die ganze Härte des Krieges wird der Gemeinde bewußt, als verwundete Mitglieder zur Genesung auf Heimaturlaub nach Berlin kommen, verjagte Flüchtlinge aus dem Osten bei Verwandten in der Gemeinde Zuflucht suchen und Meldungen über in Gefangenschaft geratene Gemeindemitglieder und erste Todes¬nachrichten eintreffen. Bereits im Oktober fällt als erster Franz Uszkoreit, der Mitglied in der Stationsge¬meinde Wilmersdorf war. Nicht lange danach trifft die Nachricht ein, daß Carl Brandauer, Dirigent des Männerchores und des Stationschors in der Tauroggener Straße, bei einem Sturmangriff umkam. Nach und nach werden etwa hundert Mitglieder und Freunde der Gemeinde - darunter auch der Prediger, der allerdings in Berlin stationiert bleibt - zum Heeresdienst eingezogen. Fast wie eine Ironie der Zeit scheint es, daß man im Jahr des Kriegsausbruchs und angesichts der Unterstützung der militärischen Mobilmachung in Deutschland einen neuen Anlauf in der sogenannten "Friedensboten"-Mission unternimmt, die als Traktatmission nach dem gleichnamigen Verteilblatt benannt ist. Auch wenn die Arbeit in der Gemeinde aufgrund der Kriegsgeschehnisse beeinträchtigt und gestört wird, bleiben die Aufgaben in den verschiedenen Gruppen nicht liegen. Neben den tragischen Verlusten meist junger Männer, die zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt sind, gibt es nicht zuletzt aufgrund der weitergeführten missionarischen Aktivitäten auch Neuaufnahmen in die Gemeinde. Im Jahre 1915 sind es siebenundzwanzig, was die Mitgliederzahl auf 394 erhöht. Im Jahre 1916, welches das "Jahr der Kohlrübenstullen" genannt wird, schicken die Frauen hunderte von Paketen mit Strümpfen, Leibbinden, Ohrenschützern und Pulswärmern an die Front. Bücher, Zeitschriften und Schreibpapier werden gespendet und an die Soldaten im Feld verschickt. Dabei machen sich die Auswirkungen des Krieges durchaus auch in Berlin bemerkbar. Die Lebensmittelknappheit hat verheerende Folgen im Leben mancher Familien der Gemeinde. Und auch in den Gottesdiensten spürt man nicht nur an den leeren Plätzen oder beim Anblick der Uniformen den Geist der Zeit: das Abendmahlsbrot wird zugeteilt und der Abendmahlswein wird allmählich so gestreckt, daß vom "Gewächs des Weinstocks" schließlich nur noch die Farbe übrig bleibt. Gold und Goldstücke wandern zur Reichsbank, und in den Sammelstellen verschwinden die letzten Messingbeschläge, Türklinken und Kupferkessel.

Fast wie ein Wunder scheint es, daß man ausgerechnet in dieser Zeit allgemeiner Entbehrung zu Grundbesitz kommt. Ein langjähriges Mitglied, Heinrich Thies, hatte seit längerer Zeit den Wunsch, seine Grundstücke in der Kirschenallee 20 in Westend der Gemeinde in Charlottenburg zu übereignen. Die Verhandlungen darüber werden aber durch seinen Tod unterbrochen, worauf seine Tochter Ida Thies sie weiterführt und im Oktober 1917 zu einem Abschluß bringt. Unter sehr günstigen Bedingungen wird die Gemeinde so zur Eigentümerin von Grundstücken, von denen man im Jahresbericht 1917 liest, daß daraus eine "rechte Pflanzstätte göttlicher Liebeswerke" werden möge. Man ahnt noch nicht, daß dieses Erbe die Gemeinde einmal fast ein Jahrzehnt lang beschäftigen und in ausgiebige Diskussionen führen wird. Endlich kommt der Krieg, dessen Härte und Dauer alle Annahmen, Vorbereitungen und Erwartungen übertroffen haben, 1918 zu einem Ende. So enthusiastisch, wie man vor vier Jahren die Mobilmachung begrüßte, heißt man nun die Heimkehrenden willkommen. Am 15. Dezember feiert man in der festlich geschmückten Kapelle mit den aus dem Krieg zurückgekommenen Mitgliedern Wiedersehen und gedenkt der zwölf Gefallenen bzw. Vermißten. Die Freude über das Ende des Krieges wird allerdings durch das Abdanken des Kaisers und den politischen Umsturz getrübt. Die Ausrufung der Republik in Weimar läßt unter den Gemeindemitgliedern viel Unsicherheit und Unruhe entstehen, fühlt man sich doch mehrheitlich der Monarchie verpflichtet, für die mancher der eingezogenen jungen Männer der Gemeinde "den Opfertod" gestorben ist. Den Kaiser erkannte man an als einen Herrscher, der "der göttlichen Wahrheit zugeneigt war", während man sich - nicht zuletzt bedingt auch durch die "Kirchenfeindschaft" der Linken - nun in Distanz setzt zur neuen Republik als einem "Staat ohne Grundsätze" mit einer "Verfassung ohne Gott".

Eine Anzahl von Mitgliedern zieht, nicht zuletzt wegen der andauernden Lebensmittelknappheit, aufs Land, so daß sich der Mitgliederbestand im Jahr des Kriegsendes von 378 auf 369 verringert. Trotzdem bringt das Folgejahr einen Aufschwung im Gemeindeleben - zwar nicht in Zahlen, wohl aber im Selbstbewußtsein: der Besuch der Gemeindeversammlungen nimmt wieder zu und einige der regelmäßigen Besucher der Gemeinde schließen sich ihr verbindlich an. Auch finanziell geht es aufwärts. Der Kapellenbaufonds ist in kürzester Zeit auf 46.485,- Mark angewachsen. "Bruder Schirrmacher", ein langjähriges Mitglied und sogenannter "Beisitzer" im Vorstand der Gemeinde, wird beauftragt, ein für die Gemeinde günstiges Kapellengrundstück zu ermitteln. Seine Bemühungen sollen schon bald Erfolg zeigen.

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